Geschichte Gratkorns
EBAs usBEffiFusELffiusRE®ELaseK Der wohl schwerste Unglticks- fall in der Geschichte der Ge- meinde ist eng mit der Kirchen- geschichte verbunden und ereig- nete sich im Verlauf der Pfingstprozession vom 18. Mai 1875 . Beim ubersetzen tiber die leicht howasserfuhrende Mur kenterte das FloB, wobei 98 Menschen in den Fluten den Tod fanden. Das Grazer Volksblatt vom 21. Mai schildert den Her- gang des Unglticks ausfuhrlich in Manier der Sensations- berichterstattung: "St. Stefan am Gratkorn, 19. Mai. (Orig.-Korr.) Ueber das schreckliche Ungltick, welches die hiesige Wallfahrerschaar bei ihrer Uberfahrt tiber die Mur am 18. d. M. getroffen hat, theile ich Ihnen mit, was ich theils von Augenzeugen, theils von sol- chen, welche sich gerettet, erfch- ren habe. Ich selbst war nicht dabei. Die Prozession, welche urn halb 7 Uhf von St. Stefan auszog, war zahlreicher als sonst. Die Be- wohner der hiesigen Gegend ha- ben eine besondere Vorliebe fur StraBengel, daher wurde diese Kirche auf ihren Wunsch auch diesmal als Ziel der Wallfahrt ausersehen. Wegen des kurzen Weges wurde schon seit linge- rer Zeit jedesmal von der Wallfahrerschaar die in der Nahe der Murmtihle befindliche `Uberfuhr ' bentitzt. Obgleich der Wasserstand diesmal ein ziem- 1ich hoher war, dachten doch die wenigsten an eine Gefahr. Bereits hatten zwei Ab- theilungen, worunter sich auch der Herr Kaplan mit zwei Mini- stranten befand, mittelst des auf zwei Kahnen ruhenden Fahrzeu- ges die Mur tibersetzt. Beim drit- ten Einsteigen entstand ein Ge- drange, die aufgestellte Dienst- mannschaft vermochte es nicht zu hindern, daB bei weitem mehr Personen einstiegen, als nach der Vorschrift gestattet war. Wie zu- versichtlich behauptet wird, soll dann das Fahrzeug von fremder Hand voreilig vom Lande gel6st worden sein, bevor noch das Ruder richtig gestellt war. Die Kahne kamen in eine Stellung, in welcher die Wasserfluthen den stirksten Druck austibten. Kaum einige Klafter vom Ufer entfemt, senkte sich auch schon das Fahr- zeug an der vorderen Seite, und lieB viel Wasser in die Kthne ein- dringen. `Zurtick' hieB es; doch im nachsten Augenblicke brach in Folge der Uberladung und des eingestr6mten Wassers unter weithin h6rbarem Gekrache eine von den starken Ufersaulen. Das Fahrzeug sinkt noch tiefer, macht sich von dem aus der Befesti- gung gerissenen Drahtseile los und wird schnell abwats getrie- ben. Welche Verwirrung, wel- cher Schrecken und Jammer auf dem Wasser und an den Ufem da herrschte, 1aBt sich nicht be- schreiben. Der Hilferuf und das Jammergeschrei von Kindern, zumeist Madchen und Erwach- senen, wurde weithin bis in die KirchevonstraBengelgeh6rt.[!] Die am Ufer Stehenden m6chten zu Hilfe eilen, allein bis sic auf Umwegen dem Flusse folgen, sind die Unglticklichen schon ihren Blicken entschwunden. Nur einem Fleischergesellen von Judendorf gelingt es, auf einem Gespanne die Weinzierlbrticke rechtzeitig zu erreichen, wo von den Daherschwimmenden meh- rere mittelst Stricken und einer Leiter gerettet wurden. Die auf dem Fahrzeug Befindli- chen, bis zu den Handen hinauf im Wasser stehend, fest aneinan- der geklammert, alle betend, mit- ten in der Schaar der Herr Pfar- rer, mochten stets von der Haupt- str6mung fortgerissen, ungefahr eine Viertelstunde weit abwarts getrieben haben, als das Fahr- Die alte Uberfuhr beim heuti- gen Uberfuhrweg. Beim Ken- tern einer so!chen "Platte" am 18. Mai 1875 verloren hier 98 Menschen ihr Leben. (LMJ, Bild-und Tonarchiv, PL 11468)
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM5MzE=