Geschichte Gratkorns
Bei den ersten slawischen Sied- 1ern handelte es sich urn eine landwirtschaftlich orientierte Bev61kerung, die aus ihrer alten Heimat, den Sumpfgebieten des oberen Dnjepr, urn die Mitte des 6. Jahrhunderts an die untere Donau gewandert war. Hier ge- 1angten die Slawen unter die Herrschaft der Awaren und wan- derten mit diesen, mach Abzug der Langobarden, in Pannonien ein. Innerhalb von kaum 30 Jah- ren hatten sie sich tiber ganz Binnennorikum verbreitet. 1 Die neue Heimat der eingewan- derten Slawen nannte man Karantanien, das Volk, die Karantaner, bestand groBteils aus freien Bauern. Die einzelnen Gaue unterstanden Ftirsten ; tiber das gesamte Gebiet herrschte ein Herzog, dessen Sitz die n6rdlich Klagenfurt gelegene Karnburg war. Das karantanische Herrschaftsgebiet umfaBte das heutige Bundesland Karnten, Osttirol, den Salzburger Lungau, und Enns-Pongau, die Steier- mark ohne die Oststeiermark, den Stiden von Ober- und Nie- der6sterreich bis zum Austritt der Fltisse ins Alpenvorland. Dazu kam die heute slowenische Untersteiermark bis ins Savetal, jedoch ohne Pettau.2 Uber die politischen, sozialen, wirtschaftlichen und religi6sen Verhaltnisse bei diesen "Alpen- slawen" herrscht groBteils Dun- kel. Es ist anzunehmen, daB das Volk in Sippenverbande geglie- deft war, die jeweils von einem "Supan" geleitet wurden. Dieser Supan scheint auch spater noch als Dorfmeister oder Dorfrichter auf.3 -Noch 1390 ist in einem Verzeichnis der zur Marchfutter- abgabe pflichtigen Bauern des Stiftes Rein fur das Amt Eggen- feld ein Suppan bezeugt, der sechs Quartale Marchfutter client.4 Die Bev6lkerung war groBteils einer bauerlichen Le- bensweise verhaftet. Gepflanzt wurden Weizen, Hafer und Ger- ste; an Haustieren ztichtete man Rinder, Schweine, Ziegen, Scha- fe und vor allem Gefltigel. Urn 750 waren die Slawen noch nicht zum Christentum bekehrt; fur diese Zeit besitzen wir in der Conversio Bagoariorum et Carantanorum eine wertvolle Quelle zur Missionierung der Slawen und entscheidenden po- 1itischen Umwalzungen: Die Einwanderung von Slawen in die Ostalpenlander muBte zu einer Konfrontation mit den benach- bart von ihnen siedelnden Baiuwaren fuhren. Diesen ge- 1ang vorerst die Abwehr der Sla- wen, doch muBten sic 595 eine schwere Niederlage gegen Sla- wen und Awaren hinnehmen. Ein weiterer ZusammenstoB fand urn 610 bei Aguntum statt. Nach ei- ner wechselvollen Entwicklung erfolgte 711/712 ein letzter awarischer VorstoB tiber die Enns. Doch als die Awaren 741 versuchten, die Herrschaft tiber die Karantanerslawen zu erlan- gen, richteten diese ein Hilfeer- suchen an die Baiuwaren. Die "Bekehrungsgeschichte der Karantaner und Slawen"5 be- richtet, daB daraufhin die Baiuwaren gemeinsam mit den Karantanerslawen die Awaren besiegt hatten. Die Baiuwaren, so die "Conversio", "erschienen eilends, vertrieben die Hunnen, versicherten sich der Karantanen und unterwarfen sic und in glei- cher Weise ihre Nachbarn dem Dienst fur die [frankischen] K6- nige.„6 Als Geiseln hatten die Bayern Cacatius, Sohn Herzog Boruts, und Ceitumar, seinen Neffen, mitgenommen. Nach den Tod Boruts (751) muBten die Baiuwaren Cacatius auf Befehl des Frankenk6nigs Pippin in die Heimat entlassen. Cheitumar, der im Kloster Chiemsee, ein Eigen- kloster von St. Peter in Salzburg, erzogen wurde, kehrte ebenfalls mach Karantanien; zurtick. In sei- ner Begleitung befand sich der Priester Majoran, Neffe von Cheitumars Erzieher Lupo. Die von Salzburg ausgehende Mis- sionierung der Karantanerslawen hatte begonnen.7 772 erlangten die Bayem defini- tiv die Herrschaft tiber Karantanien; zwar blieb der sla- wische Herzog, er wurde jedoch von den Bayern eingesetzt. Im Zuge der Absetzung des Bayern- herzogs Tassilo (788) wandte sich Karl der GroBe auch gegen die Awaren, schlug sie vemich- tend und dehnte sein Reich bis an die Donau aus. Das heutige 6sterreich stidlich der Donau, Karnten, die Steiermark und Westungarn standen nun unter der Leitung eines frankischen Grafen. Der Karantanerherzog wurde mach der Niederschlagung eines Slawenaufstandes (822) endgtiltig durch einen franki- schen Graf ersetzt. Aus diesem Jahr 822 stammt auch die erste Grundschenkungsurkunde an ei- nen deutschen Grundherrn. Un- ter K6nig Ludwig dem Deut- schen, Enkel Karls des GroBen, vollzog sich in der Steiermark die erste "deutsche Kolonisati- on". Hauptsachlich in die Ober- und Mittelsteiermark wanderten deutsche Siedler ein, die gegen- tiber der eingesessenen slawi- schen Bev6lkerung vorerst wohl in der Minderheit blieben. 859 wird der erste deutsche Grund- herr innerhalb der heutigen stei- rischen Landesgrenze genannt.8 i H. Pirchegger,1949. S.13. 2 Nach H. Wolfram,1987, S. 346 und H. Wolfram9 1995, S. 301 ` 3 Dazu: F. Krones,1897, S. 435ff; H. Baltl,1986. S. 57; LOU, LXXXIV (Einleitung Alfons DOpsch). 4 LGU, S. 309 5 Conversio. 6 Conversio, S. 43. 7 Vgi. H. Dopsch,1982, S. 60 und H. Wolfram,1987, S. 249ff. 8 F. Posch,1964, S 89 und F Poach,1980, §. 26f.
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