Geschichte Gratkorns
schwer bewaffnete Soldaten ei- ner russischen Autokolonne, man sagt sic seien aus den Murlager, zwecks Requirierung von Lebensmittel und Gefltigel in die Dult gekommen. Ihre er- ste Station machten sie bereits bei der alten Bernhard, anschliessend die anderen Hau- ser einschliesslich Juhasz. Auf tible Kunde hin, 1iess ich in bei- den K16stern Sturm lauten. In mehr als lobenswerter Weise ha- ben sich mit Ausnahme von zwei Mann alle Manner in unglaublich kurzer Zeit zur Verfugung ge- stellt, sogar Herr Essinger, Marold und der junge Griesbacher waren in ca. 10 Mi- nuten am Sammelplatz. Diesmal war die S ache etwas gefanrlicher, weil ein Mann dieser Requirierer von seiner Schusswaffe (Maschi- nenpistole) Gebrauch machen wollte." Es wurde noch ernster. Am Abend des 31. Mai 1945 kamen ein russischer Leutnant, ein Feld- webel und ein Soldat auf einem Pferdefuhrwek in die Dult gefch- ren. Der Ortsschutz betatigte wohl in Ahnung des Kommen- den sogleich alle Signalh6rner und Glocken, worauf die Russen nit zwei Ortsschutzangeh6rigen zu raufen begannen. Nach funf Minuten waren alle Ortsschutz- 1eute herbeigeeilt, aber „der [rus- sische] Feldwebel benahm sich unglaublich aufbrausend und re- nitent, drohte allen Schutzwach- leuten mit dem Erschiessen und erklarte, dass sie nichts anderes wollen, als einen Hufschmied zwecks Beschlagen des einen Pferdes suchen." - Das glaubte man schlieBlich und den drei Russen wurde im Lazaristen- kloster Quartier und Essen ange- boten. Wultsch wollte nach Hause ge- hen, doch der Feldwebel folgte ihm, weil er angeblich schon jetzt hungrig ware. „Bei dieser Gelegenheit verlangte er ein Quartier in einem Privathaus, weil ihm das ehemalige Lazari- stenkloster zu unrein war, dabei er uns auch seine neue weisse Unterwasche zeigte, ebenso auf seiner Brust ein ziemlich grosses tatowiertes Bild des Marschall Stalins." Nach weiteren seltsamen Ereig- nissen wollte sich Wultsch gera- de zur Ruhe begeben, als der Leutnant und der Feldwebel in sein Haus eindrangen (der dritte Russe bedrohte inzwischen die Schutzwacheleute im Lazari- stenkloster). Wultsch erklarte, daB sich seine Frau „schon im Bett befindet und ich auch schon im Schlafanzug war. Dies wirk- te besonders auf den Feldwebel aufreizend." -In der Folge pltin- derten die Russen Wultsch bis aufs Hemd aus. Inzwischen war der Schutz- wachmann Guss junior atemlos bei der Gratkomer Gendarmerie angekommen, urn die Beamten zur Hilfeleistung aufzufordern. Dort aber zog man sich elegant aus der Affare: „Der andere Diensthabende liess mir sagen, dass wir Hilfe von Gratkorn nicht zu erwarten haben und uns anstrengen sollten durch eine halbwegs brauchbare L6sung die Russen von einem uns schadi- genden Schritt abzuhalten." Ein anderer diensthabender Schutz- wachemann ignorierte ebenfalls die urn ihn ablaufenden Ereignis- se souveran, denn er hatte „sich gegen die Vorschrift im Dienst- zimmer der Schutzwache bei ge- schlossenen Fenstern zwecks ei- ner unerlaubten sorgenlosen Sie- sta zurfuckgezogen." Der ehemalige k. k. Oberleutnant und spatere Zentraldirektor Wultsch kochte vor Wut und schrieb am 2. Juni „an alle Schutzwachmanner" einen bit- terb6sen Brief. Auch sonst scheint Dir. Ing. Wultsch ein sehr resoluter Mann gewesen zu sein. Am 25. Mai bat er Btirgermei- ster Sieber urn einige Ausrti- stungsgegenstande fur den Orts- schutz. Sein Ersuchen schloB er Militarstempe[ eines franz6si- schen Pionierbataillons aus dem 19. Jahrhundert, von der Sowjet- armee in Gratkorn 1945 als Stempel verwendet, nachdem der eigene verloren gegangen war. (Sammlung Gasthaus Puch- er, Rosa Faninger)
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