Geschichte Gratkorns
der Jahre sagte ich oft zu meiner Frau, daB ich sie eines Tages zu- rt]ck nach Osterreich bringen wer- de, und wenn m6glich jenes Haus in Gratkorn finden werde, in dem ich damals untergebracht war. An dieser Stelle tlbergebe ich die Geschichte an Dorothy. Dieser Teil der Erinnerungen geh6rt uns bei- den. Dorothy ftlhrte tiber unsere Peisen Tagebuch und hat weitere Einzelheiten: 1985 verlier3en Mac und ich ge- meinsam mit unseren Verwandten Eileen und Doug Phipps Australien und flogen aus, urn die Welt zu se- hen. Eine wichtige F}olle bei der Festlegung unserer Peiseroute spielte das Vorhaben mit dem Auto durch Osterreich zu fahren und dabei hoffentlich Gratkorn und das Gasthaus ausfindig zu machen. Mac tlbernahm die Planung dieses Teils unserer Pleise und in der An- nahme, das 6sterreichische Konsu- lat in Sydney k6nnte ihm dabei be- hilflich sejn, rief er dort an, urn die beste Boute nach Gratkorn heraus- zufinden. Doch dort im Konsulat hatten sie von Gratkorn noch nie etwas geh6rt, und so suchte Mac schlieBlich den Ort auf der Land- karte und zeigte den Osterreichern im Konsulat dann, wo er liegt. Sie waren t]brigens ganz begeistert, als sie herausfanden, wozu Mac die- se lnformationen haben wollte. Also, nach Singapur und ltalien besuchten wir Verwandte in Genf, und von dort fuhren wir durch Feldkirch, lnnsbruck, tiber den GroBglockner, in das Tal von Heiligenblut und nach Winklern. Als wir dann als nachstes durch Spittal fuhren, kamen Mac erste Zweifel, ob er vertraute Statten und Platze aus der damaligen Zeit wiederfin- den wtlrde. In diesen etwas mehr als vierzig Jahren hatte sich soviel verandert. Tamsweg war fur uns eine gror3e Freude: unsere letzte Ubernachtung vor Gratkorn. Als wir Gratkorn erreichten, sollte uns die Papierfabrik helfen, das Gasthaus zu finden, doch die Papierfabrik war inzwischen nattlrlich riesig gewor- den, Da war der FluB und die Brtlk- ke, wie Mac sie in Erinnerung hat- te, doch nun waren wir zu weit ge- fahren und waren in Gratwein ge- Iandet. Es regnete leicht, und wir hatten uns verfahren! Es war ein Sonntag, urn genau zu sein der 11. August 1985, und kei- ne Menschenseele war zu sehen. Mac schlug dann vor, daB wir auf den Friedhof des Ortes gehen soll- ten, urn das Grab eines australi- schen Soldaten zu suchen, der sehr krank ins Gasthaus gekom- men war und dort spater an Lun- genentztlndung gestorben war. Er hie`B Victor Makepeace, und Mac war einer der Sargtrager beim Be- grabnis. Sie hatten damals den Sarg zu FUB vom Gasthaus zum Friedhof getragen, also schloB er daraus, daB der Friedhof nicht weit vom Gasthaus entfernt sein konn- te. Als wir zu einem Friedhof ka- men - allerdings in Gratwein - gin- gen wir im Regen auf und ab und suchten das Grab von Makepeace - alles vergebens. Nicht nur, daB wir im falschen Ort waren, sondern, wie wir spater herausfanden, hatte die Armee nach dem Krieg all ihre Toten zusammengetragen und auf einem zentralen Friedhof begra- ben. Kein Wunder also, daf3 wir das Grab nicht finden konnten. Schlier3- Iich gaben wir auf. Als wir aus Grat- wein hinausfuhren, erblickten wir das Schild eines Gendarmerie- postens. Ich war der Meinung, daB wir es noch einmal versuchen soll- ten -wir waren zu weit gekommen, urn uns jetzt geschlagen zu geben. Mac und ich gingen hinauf , und fragten urn Auskunft. Sie durfen nicht vergessen, dar3 wir nicht Deutsch sprachen. Nach all diesen Jahren erinnerte sich Mac nur an ein Wort: "Kriegsgefangenen``. Der Gendarm Erich Wahrbichler sprach kein Wort Englisch, doch er deute- te uns, P[atz zu nehmen, tatigte ei- nen Anruf, und wenige Zeit spater kam ein anderer Gendarm, der sehr gut Englisch konnte! Mac er- zahlte ihm dann seine Geschichte: DaB wir das Gasthaus suchten und unser einziger Anhaltspunkt das Jahr sei, in dem er hier gefangen war, und die Tatsache, daB der Gasthausbesitzer wahrend des Krieges der Bdrgermeister von Gratkorn war -auch seinen Namen hatte Mac vergessen. Erich Wahrbich[er fdhrte unzahlige Tele- fongesprache - er machte sich un- seretwegen so groBe Umstande, und wir waren ihm sehr dankbar. SchlieBlich stand er auf und teilte uns mit, daB er das Gasthaus ge- funden habe, Der zweite Gendarm erklarte uns, daf3 uns Erich dorthin fahren werde, da wir es selbst nie finden wtlrden, und daB er mit Mac vorausfahren werde und wir mit un- serem Auto hinterher. Als wir nach Gratkorn kamen und uns dem Gasthaus naherten, sah ich, wie Mac aufgeregt einmal da- hin, einmal dorthin zeigte, und als wir unser Ziel erreichten, waren die Geftlhle am H6hepunkt angekom- men. Macs Hand zitterte und ich hatte Tranen in den Augen. Nach so einem langen Morgen, als wir uns schon hoffnungslos verfahren hatten, war es fast wie ein Wunder, pl6tzlich die Stu fen zur Eingangs- ttlr hinaufzugehen. F3osi Fanninger wuBte, daB wir ka- men, doch sie hatte nicht die ge- ringste Ahnung, welcher Kriegsge- fangener zurt]ckgekommen war. Sie stand an der Eingangsttlr urn uns zu begrtlBen, deutete auf sich selbst und sagte: ``F3osi". P16tzlich wuBte Mac, wer es war: die Toch- ter des Besitzers, das Madchen, mit
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