Geschichte Gratkorns
dem er vor all den Jahren gearbei- tet und gestritten hatte. Dann wur- de uns ihre Tochter Plosemarie vor- gestellt, sie sprach Englisch, was fur uns wunderbar war. Sie und ich unterhielten uns sehr lange, tiber das Gasthaus und tiber Pferde, und am Abend lernten wir ihren Mann Heribert (Huber) und ihren Sohn Bernhard kennen. Dann kam Pau- la (Trojer) herein, und Mac erinner- te sich, daB sie das junge Madchen war, das im Gasthaus arbeitete, als er dort war. Als Bosemarie und Paula uns herumftlhrten und uns die Baumlichkeiten zeigten, wo die Kriegsgefangenen untergebracht waren, entdeckte Mac das Fenster, durch das er gefltlchtet war. Mac zeigte auf das Fenster und machte eine sagende Handbewegung, und da erkannten F}osi und Paula Mac. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er jeder der Kriegsgefangenen sein k6nnen. Nun wuBten sie, daB er einer der Gefldchteten war! Spater zeigten sie uns die Fensterstabe, die er damals durchgesagt hatte, und wir hatten sie auch mit nach Hause nehmen k6nnen. Wie scha- de, daB wir noch so eine weite F}ei- se vor uns hatten: zuerst zurtlck in die Schweiz und dann weiter nach Frankreich, England und Amerika. Kurz danach kam Johann Bretterklieber, und wir wurden be- kannt gemacht. Er war damals ge- rade Btlrgermeister und sagte zu uns: "Sie sind meine Gaste." Die Gastf reundschaft, die uns entge- gengebracht wurde, war dberwal- tigend, die Menschen waren so herzlich und freundlich. Auch der Pfarrer wurde gerufen, - ich habe mir seinen Namen nie aufgeschrie- ben, und es tut mir leid, ihn nicht beim Namen nennen zu k6nnen - er war so nett und so geduldig: Er h6rte sich zuerst unsere Geschich- te an und tlbersetzte dann ftlr uns vom Englischen ins Deutsche und nattlrlich auch umgekehrt. Wir er- zahlten von unserer Suche nach dem Makepeace-Grab und stellen Sie sjch vor, F3osi und Paula konn- ten sich nicht daran erinnern, daB ein Soldat in ihrem Haus gestorben war. Die Armee hat es vermutlich zur damaligen Zeit geheim gehall ten. Ich fand es seltsam, daB nie- mand die Manner den Sarg zum Friedhof tragen hatte gesehen. Flosi Fanninger interessierte sich sehr ftlr die Einzelheiten von Macs Flucht: Woher hat er die Lebens- mittel bekommen usw.? Nachdem die drei Manner gefltlchtet waren, kam die Gestapo vorbei, doch die Fami[ie erfuhr nie, was mit ihnen passiert war, ob sie wieder gefan- gen genommen wurden, ob sie noch am Leben oder schon tot wa- ren. Wie sehr wtlnschte ich mir damals, daB ich neben Englisch auch Deutsch k6nnte. Der arme Pfarrer muB schon ganz geschafft gewe- sen sein vom standigen Geschichtenweitererzahlen, hin und her, abwechselnd in Englisch und in Deutsch. Mittlerweile ftlllte sich das Haus mit Einheimischen. Nach einem k6stlichen Mittages- sen, das F}osemarie hervorgezau- bert hatte, machten wir noch mit vielen anderen Bekanntschaft: F3osis Bruder kam mit seiner Frau (mein Tagebuch berichtet von ih- ren wundersch6nen, ttlrkisfarbenen Augen); wir lernten Paulas Mann Heinerl kennen, der im Krieg zwei Jahre lang in Texas gefangen war, sowie den Direktor der Gratkorner Hauptschule und dessen Frau. Wir ftlhlten uns wie prominente Pers6n- Iichkeiten, vielleicht weil Mac der erste Kriegsgefangene war, der nach Gratkorn zurt]ckgekommen war. Paula begleitete uns bei un- serer Suche zum nahegelegenen Friedhof , als wir diesmal das Makepeace-Grab - das wir natdr- isn``|=.:i:lstR::. `::v=``vRA~^`:.`n` y*h ```X ` ` `` ` ~„ i.` a `.`,^.```` ``` lich nie fanden -aufsuchen wollten. (Am nachsten Morgen riefen wir dort an und lieBen in den Akten nachsehen, doch darin wurde das Begrabnis nicht erwahnt. -GewiB hatte die Armee ihre eigenen Auf- zeichnungen.) Paula brachte uns dann zu sich nach Hause, und wir tranken gera- de ein Glas Wein, als ihre Tochter Pauline, deren Mann Egon und deren T6chter Elke und Doris her- einkamen. Die T6chter wurden von da an unsere pers6nlichen Dolmet- scher. Sie hatten Englisch in der Schule gelernt - einfach liebens- wdrdige Madchen. Ja wirklich, wenn ich so zurtlckdenke, hatten wjr nur ein einziges Problem, nam- Iich mit dem Wort "toilet", Hatten wir `Toilette" gesagt, hatten wir nicht bis zum Abend warten mtlssen - ach, was haben wir an diesem Tag ge- lacht. Im Konvoi machten wir uns auf den Weg, urn die Sehenswtlr- digkeiten von Gratkorn zu besich- tigen: voraus der Direktor mit sei- ner Familie gemeinsam mit all un- seren anderen neuen Freunden und zum Schluc wir. Die Basilika von Pein, zwar kleiner aber nicht minder sch6n als der Petersdom in F}om, raubte mir den Atem. In mei- nem Tagebuch steht: "Die ausge- tretenen Stu fen faszinierten mich." Und weiter: "Als nachstes sahen wir die Gratkorner Kirche (St. Stephan) mit ihren phantastischen bunt- bemalten Glasfenstern]" Johann bestand darauf, daB wir wandern gehen und in den Bergen tlbernachten. Inzwischen war es aber schon spat geworden, und wir sagten ihm, daB wir nach Graz fah- ren und dort tlbernachten wollten. Es kam uns so vor, als wtlrden wir meilenweit den Berg hinaufsteigen, ohne genau zu wissen wohin, aber nach wie vor voller Vertrauen in unseren Gastgeber und in unser Ziel. (Erst am nachsten Morgen, als
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