Geschichte Gratkorns
Der Stall des H6chwirts war auch Schlafstatte der Kriegsgefange- nen. Von hier aus muBten sie tag- lich zu den Bauern, urn ihnen bei der Arbeit zu helfen. Nur sonnl tags blieb etwas Zeit, fur sich und vielleicht einen Brief nach Hause. (Stiftsarchiv F}ein) gegangen ist, dann haben wir im- mer den Pobert geholt, weil Geld ftlr einen Tierarzt hatten wir ja kei- nes", erzahlt Katharina Stelzl, Haselbaurin auf der FreBnitz. "Beim H6chwirt oben gab es einen Wehrmachtsposten. Dort waren die Gefangenen untergebracht. Die sind dann in der Frtlh aufgestan- den, haben sich abgemeldet und weg waren sie. Sie sind alleine zu den Bauern gekommen. Nur bei den Bauern haben sie nicht schla- fen k6nnen, weil die meisten haben keine privaten Zimmer gehabt. Den Gefangenen ist es eigentlich gut gegangen. Das halberte haben die Bauern nicht gehabt, was die ge- kriegt haben. Die haben alle Kon- takt nach Hause gehabt, sie haben auch fast jedes Monat ein 10 kg Packerl bekommen von daheim. Hinter dem Haus hat sich dann ein ganz sch6ner Haufen mit Konser- vendosen angesammelt. Da hat mich der Bon einmal drangekriegt, weil ich keine Paradeissauce mochte. Zu der Mutter sagte er nur, daB er heute kochen wtJrde, nam- lich Gulasch. Wie wir gegessen ha- ben hat er mich gefragt, wie es mir geschmeckt hat, und dann hat er gesagt `sjehst du jetzt hast es erst gegessen, Gulasch mit Paradeissauce'. Nur Tee hast nicht trinken k6nnen. Der war so stark eingekocht, der war wie ein Kaffee, genauso braun."7 Die Gratkomer Bev61kerung be- kam zu diesem Zeitpunkt langst ihre Lebensmittel nur mit den entsprechenden Karten. Alles war rationiert und nicht immer standig verfugbar. Die Gefange- men hingegen verfugten zeitwei- se tiber bescheidene Mittel wie etwa Zigaretten und Tabak, Wa- sche oder sogar Schokolade, die sic aus ihrer Heimat von den Angeh6rigen geschickt beka- men. StiBigkeiten, aber auch Kleidungsstticke als kleine Ge- schenke vorwiegend an die weib- liche Bev61kerung, wurden so zu v61kerverbindenden Gesten in einer grausamen Zeit, in einer Zeit, in der gerade diese kleinen Werte Menschen wieder zu ver- s6hnen begann. Die Manner des Ortes waren an der Front, kampften gegen das vermeintlich bolschewistische Ungeheuer, in Gratkorn selbst hielten gerade die Gefangenen einen halbwegs geregelten Ar- beitsalltag aufrecht. Dem ware eigentlich nichts mehr hinzuzu- fugen, gabe es da nicht die Ge- schichte von Mac, einem austra- 1ischen Soldaten, der einen Teil seiner Gefangenschaft beim Gasthaus Pucher verbringen muBte. Seine Geschichte ist hier nieder- geschrieben.8 Eine Geschichte, die mach tiber 50 Jahren auch sei- ne eigene Erinnerung ist, viel mehr aber auch ein Beweis, der die Gtite und Herzenswarme der Gratkorner Bev6lkerung zeigt. Sic steht stellvertretend fur die vielen kleinen Geschichten, die es tiber die Gefangenen in Grat- korn zu berichten gabe. Ihnen allen gemein ist die Menschlich- keit, mit der man einander begeg- nete. Dies gibt auch Hoffnung fur eine friedvolle Zukunft. Voranstellen an die Kriegserin- nerungen m6chte ich Ausztige eines pers6nlichen Briefes, den mir Mac und seine Frau schick- ten. Sic verdeutlichen den schwierigen Umgang mit der Geschichtsaufarbeitung, zeigen den Mechanismus der Verdran- gung, des sich Wegstehlens. Ob- wohl hier zwei Menschen aus verschiedenen Generationen und Kulturkreisen aufeinander tra- fen, glaube ich, daB wir beide diese Probleme gel6st haben. "[...] Nachdem Mac aus dem Krieg heim gekehrt war, wollte er nur ei- nes: die vergangenen Kriegsjahre hinter sich lassen und wieder ein
RkJQdWJsaXNoZXIy NjM5MzE=