Geschichte Gratkorns

"Wie die F}ussen gekommen sind, haben wir im Wald geschlafen. Da waren wir die erste Nacht unten in der Frauenh6hle, dann war das zu wenig sicher. Da sind sie dann mit den Pferden den Bach entlang ein- geritten. Viele Frauen sind vom Ort unten heraufgekommen. Ich war einmal im Stall drinnen, auf einmal kommt ein Ftusse, ich bin austeufelt, durch den Keller durch, hinten hinaus und da ist ein Gstauder gewesen, da hab' ich mich niedergelegt und ein biBl ge- wartet, da hat mich so niemand gesehen und dann bin ich wieder heim gegangen. Da ist mir dann der Hund nachgelaufen, dem hab ich die Ohren zugehalten, damit er nichts h6rt. Dann sind wir abgehaut, da sind wir hinunter in den Pfarrhof, wejl der Pfarrer hat eh russisch k6nnen. Vierzig oder fdnfzig Weiber, die wir drjnnen wa- ren. Nebenan hat der Pfarrer mit dem Kommissar Schach gespielt. Da haben wir schon sch6n still sein mtlssen. Da sind die Frauen vom Berg hinuntergegangen, weil sie beim Pfarrer sicherer waren. Was die Leute von unten bei uns am Dachboden eingelageri gehabt haben, das haben die alles mitge- nommen. Der Dr. Kschir hat eh Gltlck gehabt. Da haben wir so ein gutes Versteck gehabt, die haben die Sachen nicht gefunden. Das bessere Gwand usw. haben die Leute mit Handkarren zu uns ge- bracht und am Dach gelagert, aber die Plussen haben alles mitgenom- men, da ist nichts geblieben." Als die britische Besatzung die Russen abl6ste, war die Grat- komer Bev61kerung erleichtert. Das Leben konnte jetzt wieder in seine normalen Bahnen gelenkt werden. Und die Frauen began- nen sich sogar fur die feschen Englander zu interessieren. Nichts war mehr zu sehen von alten, kopftuchtragenden Wei- bern in geflickten R6cken, strah- 1ende junge Madels gingen durch die StraBen im Ort und trafen sich bei Tanzveranstaltungen im Murlager mit ihren Verehrern. Martin Neugebauer erinnert sich noch: "Da kehrte dann Fiuhe ein. Die Frauen brauchten keine Angst mehr zu haben. Es gab auch keine Ubergriffe auf die Bev6lkerung mehr. Ftlr mich waren die F}ussen zwar schlampiger, aber ftlr uns Kin- der doch nahbarer, der Englander hat zwar auch lieb gelacht, aber man sptlrte deutlich die Distanz. Wir bette!ten dann von den Englan- dern Schokolade, manchmal beka- men wir auch ein F3ipperl. Beim Murlager gab es dann immer Treffen, das waren Tanzveranstal- tungen. Zuerst konnten Ehepaare hingehen, aber als unsere Manner dann eifersuchtig wurden, durften sie nicht mehr hingehen, nur mehr die Frauen alleine. Es gab auch Bekanntschaften zwi- schen der britischen Besatzung und der Bev6Ikerung. Aber mit den Englandern kehrte das Familienle- ben wieder ein, man ktlmmerte sich auch gar nicht mehr so sehr urn die Besatzung. Das Leben wird wieder normal, die Angst war weg, man konnte wieder auf die StraBe ge- hen, auch der Dreck war weg. Erst langsam begann sich das Le- ben in Gratkorn wieder zu normali- sieren. Wir hatten dann schon auch eine Schulausspeisung, nach der Schule gab es die in der Werks- restauration, die Schtller brachten dabei ihr eigenes Geschjrr mit. Meist gab es Erbsen, Bohnen in Suppenform oder Brei. Aber wir ha- ben daftlr alle Tage gratis etwas zu essen gehabt. Spater gab es dann die Ausspeisung direkt in der Schu- le. Damals haben wir unsere Bundeshymne umgetauft in: `Land der Erbsen, Land der Bohnen, Land der unbegrenzten Zonen'." Glockentransport mit Glocken- patinnen. Im Hintergrund die Ge- meindehauser Neubaugasse, rechts die W6hrer-Villa, seit dem 2. Ju[i 1958 ist dort die Musik- schule beheimatet. (Sammlung Gaksch)

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