Geschichte Gratkorns

Schweindln gegessen. Die Juden sind von Graz Richtung Norden getrieben worden, durch Gratkorn durch. Ich hab' die Kolon- nen gesehen, nicht nur ein einzi- ges Mal, ich bin ihnen ja noch ein- mal begegnet, weil ich spater nach Norden gefltlchtet bin. In der Ko- lonne sind sie gegangen, das war ein furchtbarer Anblick. Das war furchtbar, sie waren so mager und die FtlBe, das war alles so dtlnn, mit so Gamaschen haben sie die FtlBe abgeschntlrt gehabt. Und ge- hetzt sind sie worden. Jene, die in die Dult gefltichtet waren, haben sie beim Kloster erschossen. Der Judentransport muB zu Ostern gewesen sein, Marz oder April] Es war einfach schrecklich. Ich bin dann aus Gratkorn wieder weg, und dann bin ich ihnen eben noch einmal begegnet. Und zwar, das war ein oder zwei Tage spater -ich weiB noch, ich bin dann nach St. Stefan, da hab' ich bei meiner Schwester geschlafen und dann bin ich in F3ichtung Ybbstal. Ich hab' immer wieder eine Fahrgelegenheit gehabt, in Vordernberg muBte ich aber zu FUB weiter. Es war zeitlich in der Frtlh. Und ich geh' so ein Sttlckerl und auf einmal kommt mir halt so ein Bua entgegen und sagt: `Wo wollen sie denn hin?'. AIIes hat noch geschlafen in den Hausern und der Nebel ist noch gelegen. Ich sag: `Ich will da tiber den Berg, ich wart' auf ein Fahrzeug und will ins Ybbstal.' Da hat er gesagt: `Wenn Sie keine Angst haben, dann k6nnen's ruhig weiter gehen. Aber passen's auf , da vorne liegt aber einer, ein Toter. Da haben sie gel stern die Juden durchgetrieben und der liegt noch da, den haben sie erschossen, der wird erst wegge- raumt. Gestern haben sie die da drtlber getrieben, tiber den Prabichl. Weiter vorne da liegen noch mehr'. Da hab' ich schon Angst gekriegt, und beschlossen nicht mehr wei- ter zu gehen. Ich hab' dann auf ein Auto gewartet, aber es hat mich keines mitgenommen. Bis ich so verzweifelt war, dac ich mir gedacht hab', ich leg' mich auf die StraBe, wenn sie mich nicht mitnehmen, laB' ich mich zusammenfuhren. Dann kam eine Kolonne von Sani- tatern, die haben mich in ihrer Bei- wagenmaschine mitgenommen. Es war dann furchtbar, was ich dann gesehen hab'. Da lag dann der eine Tote, den mir der Bub schon be- schrieben hatte. Und dann weiter oben sind viele gelegen. Den Ein- druck werde ich nie vergessen. Ein Pferd mit einem abgebrochenen FUB, wo der Knochen nur so in die H6he gestanden ist und auf der rechten Seite diese Manner mit den ausgestreckten FtlBen, diesen dun- nen Beinen, mit den Gamaschen geschntlrt. Die sind in die halbe Strar3e hineingestanden, daB man gar nicht vorbeifahren hat k6nnen. So wie sie umgefallen sind, haben sie sie liegengelassen. Das waren die gleichen wie in Gratkorn." Der 8. Mai 1945 besiegelte end- gtiltig den Untergang des Drit- ten Reiches. In Gratkorn mar- schierten aber nicht wie geplant die Briten ein, sondem Russen waren es, die bei uns das Ende des Krieges dokumentierten. Und vor allem die ersten Tage der russischen Besatzung waren fur die Gratkorner Bev61kerung Zeiten der Gewalt, der Exzesse, der Angst. Rosa Fanninger er- zahlt von ihren Angsten und der Not, damals ein fesches Mad- chen gewesen zu sein: "lm Marz und April haben die Wein- handler alle ihre Keller aufgemacht, wir haben so kostenlos Wein ho- len k6nnen, soviel wir wollten. Die haben Angst gehabt vor den F}us- sen, daB die groBe Orgien feiern werden. Mein Vater hat dann Wein geholt, es waren neue Fasser, und wir haben sie im Wirtschaftsgebau- de vergraben. Wegen der Bomben- angriffe war es gefahrlich zu fah- ren. Wir hatten damals Ukrainer als Arbeiter, die dann das Versteck ver- raten haben.

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