Geschichte Gratkorns

"Dultino" hieB der bald legendare Flibiselwein des Waldemar Hores. Mit diesem geistigen Produkt machte er der damals alkoholfrei- en F}ibiselbar in der Dult zu Be- ginn der 30er Jahre kraftige Kon- kurrenz. (Sammlung Samitsch) schieren kann. Wir haben auf der StraBe die deutschen Marschlieder gesungen. Zur Heimstunde ist man gezwungen worden, das war eine w6chentliche Zusammenkunft im Syzhaus. Da hat man Lieder ge- lernt. Wir wurden Bimpf genannt, Hitlerjugend. Jeder Bub hat schon darauf gewartet, daf3 er zehn wur- de, damit er dort hingehen hat dtlr- fen. Ftlr das WHW muBte man sammlen gehen, das tat man mit Begeisterung. Auch marschieren lernte man dort, da sind wir ordent- lich gedrillt worden. Die 14-jahrigen lernten auch schon schieBen. Wenn man einmal zu der Heim- stunde am Mittwoch nicht gekom- men ist, so wurde man so fort ge- fragt, wo man vorige Woche denn gewesen sei. Wenn man krank war, dann hatte man eine Entschuldi- gung, aber wenn man gesagt hat- te, meine Mutter habe mich nicht gelassen, dann hat es passieren k6nnen, daB man mit ihr ins KZ ab- gefahren ist. Da hat automatisch ein jeder seine Buben hingehen lassen, da hat es keinen Wider- stand gegeben. Wir haben damals alles gesam- melt, von Abzeichen angefangen bis hin zu den Hitlerbildern und den Flitterkreuztfagern, Das war damals in den Zigarettenschachteln drin- nen. Auch in der Schule wurde Pro- pagandamaterial verteilt. Jeder Bub war damals hell begeistert von diesem ganzen Zeug. Als dann der Krieg aus war, hat meine Mutter alles vernichtet und eingeheizt, ich hab' nicht einmal ein Zeugnis von dieser Zeit. Jedes Sttlck, wo ein Hackenkreuz drauf war, wurde ver- nichtet. In unserem Vorhaus habe ich eine ganze Kiste voll mit mei- nen Kostbarkeiten, die Bilder wur- den eingeheizt, die anderen Sa- chen wie Patronenhtllsen wurden Weg geschmissen. Die Madchen haben damals die Film- divas gesam- melt, die waren auch in den Zi- garettenschach- teln." Bunte Bezugs- scheine wurden ftir die Men- schen zum all- umfassenden Begriff. Das Leben war mach diesen Papieren ausge- richtet, manche hatten das Gltick, daB sie ihre vorhandenen Hab- seligkeiten gegen Lebensmittel tauschen konnten. Selbstversor- gung aus dem eigenen Garten wurde zur Uberlebensfrage. Herr Kopsche erzahlt von der Strate- gie seiner Familie nicht unter die Rader zu kommen: "Fleisch hat es nur am Sonntag ge- geben, aber nicht solche Gerichte, wie man sie sich heute vorstellt, sondern Suppenfleisch, manchmal auch ein Stt]ckchen vom Schwein, selten ein Huhn. Damals gab es ja die Lebensmit- telkarten, es war alles ratjoniert] Als Jause in der Schule hatten wir als h6chstes der Geftlhle ein Brot mit Butterschmalz, das war Butter ver- mischt mit einem Schmalz oder Margarine. Meist aber nur trocke- nes Brot, wenn die Apfel reif wa- ren, dann haben wir welche gestoh- len, weil wir selber keine Baume hatten. Selbstgemachte Marmela- de gab es tlberhaupt nur ganz selH ten. Im Sommer haben wir vom Garten gelebt, da gab es Kraut, Bohnen, Bohnschoten oder Gurken, auch Mais haben wir angebaut. Mein Gror3vater hat sogar Tabak ange- baut, ich hab' dann Tabakblatter ge- trocknet und geschnitten. Auch Kaffee haben wir selbst gemacht, dazu haben wir rohe Erbsen und Hafer in einer F3ein' ger6stet, und anschlieBend gemahlen." Hatte man damals einen gr6Be- ren Garten, so erwirtschaftete man sich einerseits mehr Ertrag, andererseits kamen aber auch Menschen, die urn Obst und Ge- mtise baten. Solidaritat war hier oft eine vorhandene Tugend. Helga Steinberger, geb. 30. Juni 1926, damalige Ribiselbauerin in der Dult, kann von einer solchen Nachstenliebe berichten: "lch kann mich erinnern, zuerst ha- ben wir immer genug gehabt. Frei- lich ist man ab und zu zum Bauern gegangen und hat geschaut, daB man ein bir3erl was dazukriegt hat. Oder wer selbst einen Garten gem habt hat, der hat sich leichter ge- tan, weil der hat dann eh Gemtlse usw. anbauen k6nnen. Obst war gentlgend vorhanden. Das weiB ich noch, da war ich auch gerade da bei meiner Grof3mutter in der Dult und der Onkel war eingertlckt, das war so im 42er Jahr im Sommer, da waren viele Pibisel und da sind die Gratkorner gekommen F3ibisel kaufen . `Wo ist denn die alte Frau, sie soll uns etwas geben.' Wir ha- ben geantwortet: `Ja, ja, sie k6n- nen eh was haben, aber selber brocken mtlBt's sie schon.' Und sie nahmen sich viele Bibisel, aberje- der hat noch zu wenig gehabt, sie haben behauptet, sie haben immer so viel gekauft da, aber wir haben

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