Geschichte Gratkorns

winnen konnte. Sametz stamm- te aus einer Arbeiter- und Bauernfamilie ( 15 Geschwister), meldete sich im Ersten Weltkrieg als Freiwilliger und stieg bis zum Feldwebel auf, arbeitete in der Papierfabrik und leitete dort die Betriebsbuchhaltung. Bei den Gemeinderatswahlen 1932 kan- didierte er auf der sozialdemo- kratischen Liste als erster Ersatz- mann, trat am 3 . August 1934 der illegalen NSDAP bei und beta- tigte sich in der Papierfabrik als Betriebszellenobmann. Nach dem "AnschluB" fungierte er auBerdem einige Monate als Be- triebsobmann und Ortsobmann der Deutschen Arbeitsfront, ei- ner Art NS - Gewerkschaft.23 Sametz war also fur Arbeiter, Beamte und Bauem gleicherma- Ben ein akzeptabler Btirgermei- ster. Am 15. Marz 1938 wurde Franz Sametz, Gratkom Nr. 80, zum provisorischen Amtswalter bestellt. Am 25. Marz schlug Btirgermeister Sametz Richard List, Mag. Ludwig Fischer und Franz Schreiner als Beirate vor.24 In den folgenden Tagen, bis zum 10. April 1938, wurde Gratkorn von einer Propagandawelle un- geahnten AusmaBes tiberrollt. Am 4. April 1938 quoll Gratkom vor Mitgliedem der motorisier- ten Sturmbanne I 4 und L 4 der "6sterreichischen Legion" tiber. Rund 200 Autos und Motorrader sammelten sich in Gratkorn, urn geschlossen in Graz einzufah- ren.25 Alle sollten sehen, daB im neuen, machtigen Staat keine Stande oder Klassen zahlten. Die "groBe Volksgemeinschaft" wur- de propagiert, in der alle "Volks- genossen" zum Wohle fur Volk, Ftihrer und Vaterland arbeiteten. Die Gratkorner Arbeiter lasen staunend Dr. Karl Renners Wor- te: "Als Sozialdemokrat und so- mit als Verfechter des Selbstbe- stimmungsrechtes der Nationen, als erster Kanzler der Republik Deutsch6sterreich und als gewesener Prasident ihrer Friedensdelegation zu St. Ger- main werde ich mit Ja stim- men."26 Theodor Kardinal Innitzer lieB die Pfarrer, auch den Gratkorner, von den Kanzeln verktinden: "Am Tage der Volks- abstimmung ist es fur uns Bi- sch6fe selbstverstandlich natio- nale Pflicht, uns als Deutsche zum Deutschen Reich zu beken- men, und wir erwarten auch von allen glaubigen Christen, daB sie wissen, was sic ihrem Volke schuldig sind."27 Und in Ab- wandlung von "Ein Volk - ein Reich - ein Ftihrer" propagierte der Reiner "Marien - Bote" den Wahlspruch "Ein Volk - Ein Reich - Deutschland"28 . Bedenkt man noch, daB etwa acht Prozent der Wahlberechtig- ten, namlich die prasumtiven Gegner, von der Wahl ausge- schlossen waren29 und berechnet man den in den Wahllokalen sehr subtil ausgetibten Druck mit ein, damn birgt auch das Gratkorner Wahlergebnis wenige Geheim- nisse in sich: Propaganda - Klebevignette, verteilt in Gratkorn, zur Volksabstimmung tiber den "Anschlur3". Die am 10. April 1938 durgeftlhrte Abstimmung ergab in Grat- korn 99,52 Prozent Ja -Stimmen. (AG) Verdachtig bleibt lediglich der Umstand, daB offensichtlich alle Stimmberechtigten zur Wahl gin- gen und daB weder Stimmenthal- tungen noch ungtiltige Stimmen zu verzeichnen waren. Eine zeitgen6ssische Quelle be- richtet tiber den Verlauf der Ab- stimmung vom 10. April 1938 in Gratkom: "Am Abstimmungstag wurden die Bewohner des Mark- tes am frtihen Morgen durch Musik geweckt. Wieder mar- schierten die Gliederungen der Bewegung durch den Ort, urn sich an die Arbeit im Dienst der Volksabstimmung zu begeben. Die NSKK - Fahrer Gratkorns bildeten nit 26 Fahrzeugen den Wahlschlepp- und Verbindungs- dienst. Als bald mach 5 Uhr nach- mittags die fast einstimmige Be- jahung des GroBdeutschen Rei- ches bekannt wurde, jubelte al- 1es und die NSKK -Fahrer brach- ten als AbschluB ihres Wahl- dienstes den Ortsgruppen- wahlleiter List und Btirgermei- ster Franz Sametz mit dem Ab- stimmungsergebnis nach Graz, wo das auf groBen Tafeln mitge- fuhrte einhellige Bekenntnis zum deutschen Volksreich und sei- nem Ftihrer bei der Durchfahrt in Prozent Stimmberechtigte 2925 Ja -Stimmen 2911 99,52°/o Nein -Stimmen 14 0,47°/o 23 Undatierie (vermuti!eh i939) van Franz Sametz unterze!chnete "Lebensbeschrelbung" (ZI li/5 A 1/27) !m AG3 Meldebiatter v. 8. Mai 1945,18 Jum 1946 und 28. Juii 1947 (AG), Kundmachung der Geme!ndewah!beh6rde vom 12. April 1932, Zi. 2278/32 (AG}. 24 Schre!ben des Landrates Z!. Ii/5 G 9/5 vom 15. Marz 1939 (AG), Schreiben der BH Graz - Umge- bung vom 16. Marz 1938. Z! 1 G 59/1 -1938 (AG) und Schreiben Burgermelster Sametz' vom 25. Marz 1938 an die Bez!rkshauptmannschaft (Z!, 886, AG) Man beachte die Vari- anten der Amtsbezeichnung` 25 Tagespost vom 5 April 1938, S. 7^ 26 Neues Wiener Tagb!att vom 3. Aprl! 1938. 27 Fe!erliche Erklarung der 6sterrei- chischen BIsch6fe vom 18. Marz 1938, ver6ffentlicht u. a. In. Tagespost vom 30. Marz 1938, S 5, Vg!. auch M Liebmann, 1988, S. 92o 28 Marien -Bote. 4,1938 S. 2. Vg!. dazu auch M. Liebmann,1979. S. 255f 29 E. A. Schmid!,1987, S. 232.

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