Geschichte Gratkorns

19 CGG. 20 Schreiben Franz Sametz' an Bgm, Franz Jocher vom 14` Marz 1938` Zl. 780/38 {AG), 21 Bericht vom 23. Janner 1946 an die 31. FSS, (AG)` 22 F}undschreiben der Staatspoiize!- stelle Graz uber die BH Graz vom 31. Marz 1938, Zl.14 Schu 29/4 (AG). "Es wurde", so die Gendarmerie- chronik, "strenge Disziplin ge- halten und es gab keine Ausein- andersetzung." Urn 12 Uhr wurde eine im Ra- dio verlesene Proklamation Hit- lers "mit ungeheurem Jubel und sttirmischer B egeisterung aufge- nommen. Auch in Gratkom ver- lieBen die Bewohner die Hauser und harrten der kommenden Din- ge.„19 Gegen 17 Uhr erschien dann am Gendarmerieposten eine Abord- nung der NSDAP, diesmal unter Ftihrung von Sturmbannfuhrer Wilhelm FUB. Der Posten wurde praktisch unter Aufsicht gestellt, der Postenkommandant abge- setzt, die Funktionare der Vater- 1andischen Front (Liebl, Quas, Rabl etc.) in "Schutzhaft" ge- nommen und das Verm6gen der Vaterlandischen Front beschlag- nahmt. Am 13. und 14. Marz zogen Wehrmachtstruppen (Artillerie) , umjubelt von einem GroJ3teil der Bev6lkerung, durch Gratkorn. Am 14. Matz vollzog sich damn im Gasthaus Rinner die "offizi- elle" Machttibemahme. Btirger- meister Franz Jocher wurde of- fiziell abgesetzt2° , er verstarb am 8. Mai 1941. Damn wandte man sich den poli- tischen Gegnern zu. Ich zitiere aus einem Bericht der Herren Partbauer, Krebs, Sieber und Schertibel an den Geheimdienst der britischen Armee: "[. . .] Der gr6Bte Teil der Mitglie- der des Gemeinderates, auBer den bereits verhafteten, Mitglie- der des ehemaligen Schutz- bundes, Arbeitervertrauens- manner und andere Personen, die als Gegner der Nazibewegung bekannt waren, wurden in das Gasthaus Rinner befohlen und zwar: Partbauer, Sakovsek Alo- is, Krebs, Ob. Ing. Sieber, Mohet, Ing. Rengelrod, Dr. Varjacic [ge- andert in Frl. Varjacic], Dir. 86nisch, Langmayer, Schertibl, Ing. Heese, Rabl, Csebits, Buttolo und Haider Otto. An einer langen Tafel muBten die Vorgenannten Platz (nehmen), am Kopfe der Tafel hat die Lei- tung der NSDAP unter Vorsitz des eingesetzten Btirgermeisters Franz Sametz Platz genommen. Eine Truppe der SA. in vollstan- diger Ausrtistung mit aufge- pflanzten Gewehren, Jungen, die weder Beruf noch Stellung hat- ten, bezog die Wache und po- stierte sich nit Gewehr bei FUB einzeln hinter jeder der vorge- nannten, vorgeladenen Personen. Dr. Karl Rinner hielt eine An- sprache, in der (er) ungefahr fol- gendes sagte: Die befreiende Stunde fur den Nationalsozialis- mus ist angebrochen. Die deut- sche Wehrmacht befindet sich in endlosen Heeressaulen auf allen StraBen im Anmarsch auf Oster- reich. Ich habe meinen Aufent- halt in Deutschland verlassen und bin der Wehrmacht voraus- geeilt, urn zur feierlichen Stun- de der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus in mei- ner Heimat zu sein. Jeder Wider- stand von irgend einer Seite ware vergebens und mtiBte die schwersten Folgen haben. Sic meine Herren waren diejeni- gen, die den Nationalsozialismus in Gratkom unterdrtickt und die- ser Entwicklung die gr6Bten Schwierigkeiten bereitet haben. Wenn ein Ob. Ing. Sieber sich geauBert hat, daB man den jun- gen Burschen, die mit Hakenkreuzfahnchen auf ihren Fahrradern durch die StraBen fahren, die Hosen herunter zie- hen und ihnen eine Tracht Prti- gel versetzen soll, damit sic auf andere Gedanken kommen, damn muB Herrn Sieber gesagt wer- den, daB dasselbe auch ihm pas- sieren k6nne. Herrn Ing. Rengelrod muB ge- sagt werden, daB er als Schwei- zer als lastiger Auslander nur geduldet ist. Solche und ahnliche Drohungen muBten sich mehrere der oben angefuhrten Personen gefallen lassen. [...]»2i Die "Machtergreifung" ging in Gratkorn recht sanft vor sich, denn die NSDAP hatte erkannt, daB in einer "Arbeiterhochburg" nit der richtigen Tcktik politisch einiges zu erreichen war. Wenn auch in Gratkorn einige Men- schen politischen Ubergriffen ausgesetzt waren und einzelne willktirliche Verhaftungen vor- genommen wurden, so setzte die Geheime Staatspolizei / Staats- polizeistelle Graz diesen Schika- nen schnell ein Ende. Diesbeztig- 1iche Schreiben ergingen auch an die Marktgemeinde Gratkorn, unter anderem "zur Kenntnis und Darnachachtung mit dem Auftra- ge, so fort [im Original unterstri- chen] die Ftihrer der lokalen Par- teiorganisationen darauf auf- merksam zu machen, dass in Zukunft rticksichtslos und ohne Ansehung der Parteimitglied- schaft gegen alle diejenigen staatspolizeilich eingeschritten wird, welche eigenmachtig Fest- nahmen, Haussuchungen oder sonstige staatspolizeiliche Massnahmen vornehmen."22 Alles arbeitete auf die breite Zu- stimmung der Bev6lkerung hin. Die Personalpolitik der NSDAP auf kommunaler Ebene veran- schaulicht das Prinzip tiberdeut- lich. In Franz Sametz hatte man den Mann gefunden, der auch das Vertrauen der Arbeiter ge-

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