Geschichte Gratkorns
St. Stefan am Gratkorn im Jahre 1906; links oben eine Spenden- vignette (2 Heller) zugunsten der Verbindung "Carolina". Diese Postkarte steht in Zusammen- hang mit einer in St. Stefan ab- gehaltenen Veranstaltung des deutschnationalen Vereines "Hammer", den die Direktion der Papierfabrik nach dem groBen Streik von 1905 protegierte. (Sammlung lng. H. Barwinek) viertel und den tibrigen noch urn 1970 agrarisch orientierten Katastralgemeinden . demnach klar zu Tage."12 Es mtissen also andere Motiva- tionen da fur ausschlaggebend gewesen sein, daB bis in die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts zwi- schen alteingesessenen Gratkornern und zugewanderten Arbeitern ein menschlich wie politisch gutes Einvernehmen herrschte: ich vermute, daB es soziale und materielle Kompo- nenten waren, die Holzknechte, Kleinbauern, Keuschler, Tagl6hner und Industriearbeiter vereinten. Diese "klassentiber- schreitende Solidaritat", wie ich sic bezeichnen m6chte, manife- stierte sich in Gratkorn in oft erstaunlicher Weise. Man traf sich gemeinsam beim "Pucher", ein Eisenbahner marschierte in Uniform beim Arbeiterstreik mit und anlaBlich einer von Ar- beitern in Gratwein abgehalte- nen Wahlversammlung verhin- derten Bauern und Holzknechte gemeinsam mit Arbeitern eine Sprengung der Versammlung durch einen politisierenden Pfarrer. 13 Und als gerade sensationell ist es zu werten, daB anlaJ3lich eines im Jahre 1908 gefuhrten Prozesses der btirgerlich gesinnte Btirger- meister von St. Stefan, Mathias HochstraBer (1899 - 1918), 6f- fentlich Stellung fur die Arbei- ter nahm. Direktor Titel von der Papierfabrik hatte den Arbeitem verboten, ihre Waren bei den Ge- schaftsleuten einzukaufen und sie gezwungen, ihr Geld aus- schlieBlich in der von der Papier- fabrik betriebenen Kantine zu verbrauchen. Der Btirgermeister bezeugte diesen MiBstand, aber Direktor Titel wurde trotzdem freigesprochen.14 Der Weg zur Verbesserung der wirtschaftlichen und sozialen Lage dieser angesprochenen Gruppen konnte nur tiber die Er- 1angung des allgemeinen, freien und gleichen Wahlrechtes fuh- ren. Auch in diesem Punkt er- wies sich der Gratkorner Streik von 1890 als Schltisselereignis fur die Aktivierung proletari- schen SelbstbewuBtseins und politischer - in diesem Falle so- zialdemokratischer - Organisati- On. Im Vorfeld der Reichsratswahlen von 1897 veranstaltete die Sozi- aldemokratische Arbeiterpartei im Bezirk zahlreiche Wahlver- sammlungen, darunter auch eine in Gratwein. Am 10. Marz 1897 erschienen Arbeiter der Papier- fabrik und anderer Betriebe, Holzknechte und Landarbeiter gemeinsam auf dieser Versamm- 1ung. Arbeiter spendeten Geld fur den sozialdemokratischen Wahlfonds, der Grazer Arbeiter- wille ver6ffentlichte regelmaBig Spendenlisten. Die Wahl fand schlieBlich am 12. Marz 1897 unter reichlich dubio- sen Umstanden statt. Millionen Arbeiter der Monarchie konnten 72 Abgeordnete wahlen, ein Mandat fur die funfte Kurie er- forderte 74.000 Stimmen; hinge- gen konnten die 5.000 GroB- grundbesitzer 85 Abgeomete in den Reichsrat entsenden.15 Im ersten Wahlgang erreichte der sozialdemokratische Spitzen- kandidat Johann Resel, erster Landesparteivorsitzender und Grfunder des "Arbeiterwillens", 605 Stimmen. Der klerikale Uni- versitatsprofessor Dr. Gutjahr 317 Stimmen und der Kandidat der Deutschen Volkspartei, Dengg, 306 Stimmen. Am 15. Marz fand die Stichwahl statt: Resel 684 / Dr. Gutj ahr 442 Stim- men. Im gesamten Wahlkreis wurde Resel nit 21.047 gegen 18.134 Stimmen gewah|t.16 Der "Arbeiterwille" berichtete in der Folge von zahlreichen Un- zulanglichkeiten und Verst6Ben gegen das Wahlgesetz. Der Gratkomer S odawas serfabrikant Schnabl zum Beispiel hatte sei- nen Arbeitern kurzerhand die Stimmzettel abgenommen und sic selbst ausgefullt, - bestimmt hatte er nicht sozialdemokratisch gewahlt. In Gratkorn erhielt Resel 684 Stimmen, was auf den ersten Blick gering erscheint. Zu be- denken ist jedoch der Umstand, daB von den 1259 Papier- arbeitern und -arbeiterinnen nur die tiber 24 Jahre alten Manner
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