Geschichte Gratkorns

wahlberechtigt waren. Aus dem Umstand, daB etwa 670 mannli- chen Arbeitern in der Papierfa- brik 684 Stimmen gegentiber- standen, kann auf eine weitge- hende Identifizierung der Gratkorner Arbeiterschaft mit sozialdemokratischen Ideen ge- schlossen werden. Schlechte Bezahlung, die lange Arbeitszeit, unzumutbare Ver- haltnisse am Arbeitsplatz und Repressionen allgemeiner Art seitens der Direktion bewirkten, besonders seit dem Amtsantritt des bertichtigten Direktors Titel, daB immer wieder Vertreter der 6rtlichen Papierarbeiter- gewerkschaft bei der Direktion vorsprachen.17 So wurden die Arbeiter z. 8. gezwungen, in der werkseigenen Kantine einzukau- fen und ein Werkfuhrer fand es lustig, tiber die K6pfer der Ar- beiter hinweg seine SchieBtibun- gen zu absolvieren. Im Oktober 1905 tiberbrachte der Gewerk- schaftler Str6bl wieder einmal der Direktion eine Liste von Wtinschen der Fabriksarbeiter, wurde jedoch von Oberdirektor Titel abgewiesen; jeder Arbeiter solle seine Beschwerden selbst vorbringen. Die ersten zwei Ar- beiter die das versuchten, zwei Vertrauensmanner der Holzar- beiter, bezahlten diesen Versuch mit ihrer Entlassung. Daraufliin traten die Holzarbeiter in den Streik. Der Gewerkschaftler Str6bl und Gewerkschafts- sekretar Ausobsky verhandelten nun mit Obergewerbeinspektor Dr. Pogatschnigg, aber die Di- rektion hielt an der Ktindigung der zwei Vertrauensmanner fest und verweigerte einigen Holzar- beitern die Arbeit. Dies ftihrte schlieBlich zum Streik aller 1600 Arbeiterinnen und Arbeiter, 1ediglich 100 von ihnen gingen kurz darauf wieder an die Arbeit. Gendarmerie be- setzte das Werk und aus Wien reiste der Sekretat des Verban- des der Papierarbeiter zu Ver- handlungen an. Doch die Direk- tion vertrat klare Standpunkte: kein Verkehr mit Vertrauens- mannern, Lohnktirzungen bei Arbeitszeitverlangerung, Miete fur bisher freie Werkswohnun- gen, Entzug des Quartiergeldes, Streichung der Kohlendeputate, keine Verpachtung von Grund zum Anbau von Gemtise, Herab- setzung der Akkord- und Tag- 16hne und Entlassung eines Tei- 1es der Streikenden. Als Aus- spruch des Direktors Titel wird tiberliefert, er wolle den Arbei- tern damit "auf zehn Jahre die Lust zum Streiken austreiben". 1 Die Situation eskalierte. Die Di- rektion verlangte 84 Wohnungs- raumungen, die btirgerliche Presse verbreitete Panik und ver- 1angte die Entsendung von Mili- tar mach St. Stefan. Statthalter Graf Clary vermittelte, es wur- de neu verhandelt und schlieB- lich gingen die Arbeiter, wohl auch aufgrund der Zunahme der Streikbrecher, wieder an die Ar- beit. Aber Oberdirektor Titel brach sein Wort und nahm statt 60 bis 80 Entlassungen tiber 200 Aussperrungen vor. Dadurch verunsichert wandten sich zahlreiche Arbeiter von der Gewerkschaft ab. Von 1600 Ar- beitern geh6rten nun lediglich 300 der Gewerkschaft an. Direk- tor Titel ging sogar soweit, daB er die Streikbrecher deutschna- tional organisieren lieB. Das Ur- teil des Sozialdemokraten Dr. Michael Schacherl: "Der aldeutsche Reichsratsab- geordnete Franko Stein wurde von der Direktion mach St. Ste- fan berufen, der Antisemit er- wies der Aktiengesellschaft, an deren Spitze der Jude Taussig Stand, germ den Liebesdienst."18 Sozialdemokratische oder ge- werkschaftlich organisierte Ar- beiter wurden in der Folge ent- lassen, die Verwandtschaft mit i7 ln der Folge vg!` die Ausgaben des Arbeiterwi!lens vom Oktober/ November i 905. 18 M. Schacherl,1932, S` 162 Der Fischerwirt in Gratwein dien- te politischen Parteien aus Grat- korn -urn 1900 besonders hau- fig den Sozialdemokraten - als beliebtes Versammlungslokal. Photographie urn 1900. (AG)

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