Geschichte Gratkorns
Das Gasthaus Pucher urn 1890, im Vordergund die heutige FelberstraBe. Am 15. Mai 1890 versammelten sich hier lndustrie- arbeiter, Landarbeiter und Bau- ern, urn tiber die Streikbewegung in der Papierfabrik zu debattie- ren. (Sammlung Gasthaus Pucher, Posa Faninger) te den Arbeitem zwar keine ge- nerelle Lohnerh6hung bewilligt, einer Anhebung der Mindestl6h- ne jedoch zugestimmt; weiters wurde die Arbeitszeit von 1 1 bis 12 Stunden auf 10 Stunden pro Tag herabgesetzt. Die Direktion versprach die Errichtung neuer Arbeiterwohnungen und versi- cherte, sic werde sich fur Erleich- terungen beim Einkauf von Le- bensmitteln einsetzen. Diesem Streik der Gratkorner Papierarbeiter kommt zumin- dest in der Geschichte der stei- rischen Arbeiterbewegung eine bedeutende Rolle zu. Es handelte sich dartiberhinaus urn den er- sten bedeutenden Streik inner- halb dieser Branche in Oster- reich - Ungam und in Deutsch- land tiberhaupt. Die Gratkomer Papierfabrik war im zitierten Kormann -Bericht damals "nach der Zahl der Arbeiter die gr6Bte dieser Staaten." Umso erstaun- 1icher mutet es an, daB der Streik selbst sowie seine sozial- geschichtlich und politisch inter- essanten Begleitumstande in den (wenigen) Standardwerken zur Geschichte der steirischen Ar- beiterbewegung ignoriert wer- den.7 Selbstverstandlich lebten in der Gemeinde St. Stefan am Grat- kom des ausgehenden 19. Jahr- hunderts nicht nur Arbeiter und Sozialdemokraten. Es stellt sich daher die Frage mach dem Ver- haltnis zwischen Arbeitem, bzw. Sozialdemokraten, und anderen sozialen Gruppen und politi- schen Str6mungen. Nach dem Kormann - Bericht bestand die Streikbewegung aus 600 Mannern und 300 Frauen, insgesamt also 900 Gratkorner von insgesamt 3.300. Aus wei- teren Quellen8 ist bekannt, daB sich die streikenden Arbeiter am 15. Mai 1890, also wahrend der Verhandlungsphase vor Aus- bruch des Generalstreiks, in An- ton SchrauBers (vulgo Pucher) Gastgarten versammelten und - gerade das ist bemerkenswert - gemeinsam mit den "Btirgern" tiber die allgemeine Lage und die weitere Vorgangsweise berieten. K. M. Schmidlechner stellt zur Organisierbarkeit der Arbeiter- schaft nach lokalen Gesichts- punkten ganz zutreffend fest, daB in der Stadt zwischen Arbeitem und "Btirgerlichen" wesentlich gr6Bere Gegensatze bestanden als in landlichen Gebieten. Das gegenseitige Ressentiment war wesentlich ausgepragter, die ne- gativen Komponenten der Indu- strialisierung in der Stadt offen- sichtlicher als auf dem Land."9 W. H. Schr6der vertritt auBerdem die Ansicht, daB "zu Arbeitern gewordene Einheimische sicher- 1ich weiterhin in der Dorfge- meinschaft integriert blieben, bei den Zugewanderten dtirfte eine Integration von Fall zu Fall ver- schieden gewesen sein und auch davon abhangig, ob es sich nur urn einen zeitlich begrenzten oder standigen Aufenthalt han- delte.„10 Diesbeztigliche Uberlegungen tiber die Situation in Gratkorn fuhren zu interessanten Ergeb- nissen. GemaB einem "Ausweis der Fabriks -Angestellten"11 aus den Jahren von 1851 bis 1861 stammten von den zwischen Juli 1851 und Ende 1860 insgesamt 591in die Fabrik eingetretenen Arbeitern lediglich 227 aus der Steiermark. Davon kamen acht aus dem Kirchenviertel und ei- ner aus der KG Friesach. Es gab hier also keine "zu Arbeitem ge- wordene Einheimischen" son- dem beinahe ausschlieBlich "Zu- gewanderte". Eine blutsmaBige Verbindung zwischen Papier- arbeitern und einheimischen Bauem existierte also nicht. Die- se Verbindungen existieren auch in der Gegenwart kaum. In die- ser Hinsicht tritt "die eklatante Differenz zwischen der Katastralgemeinde Kirchen- 7 So be! M. Schacherl,1932; S, Fze!chl, 1966; K M. Schmldlechner,1983; 8 Fragmentansche Aufzeichnungen zur Ortsgeschichte, vermutllch verfaBt yon cler Gemeinde- bediensteten Hilde Kamper urn 1960 (AG). 9 K. M. Schmidlechner,1983, S. 335. 10 VgI. W. H. Schroder,1978. 11 Auswertung durch P. Cede,1984, S. 304ff (vgl. besonders 305).
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