Geschichte Gratkorns

Im Jahre 1871 fuhrte das 1868 neu verabschie- dete Vereinsge- setz zur Bil- dung des Gra- zer Arbeiter- bildungs- vereines "Vor- wats". Dieser und ahnliche Ver- eine verfolgten, zumeist getamt, politische Ziele der Arbeiterbe- wegung. Ftir die Gemeinde Grat- kom erlangte der 1889 gegrtin- dete Arbeiterbildungsverein fur Graz und Umgebung an Bedeu- tung, wenn fur das Jahr 1890 auch nur 180 Personen im ge- samten Bezirk als Mitglieder nachweisbar sind.3 Auch die Gratkorner Arbeiter- schaft bedurfte eines sptirbaren auBeren Anlasses, urn den An- stoB zu einem organisierten Auf- treten zu erhalten. Beim intema- tionalen SozialistenkongreB in Paris im Jahre 1889 war der 1. Mai zum Feiertag fur die arbei- tende Klasse erklart worden. Uber den Arbeiterbildungs- verein und die 1888/89 gegrfun- dete Sozialdemokratische Arbei- terpartei fand diese Nachricht ihren Weg zur Gratkorner Industriearbeiterschaft. Auch die Papierarbeiter wollten den 1. Mai 1890 feierlich als "Tag der Arbeit" begehen; allein die Di- rektion weigerte sich. Damit sah man den AnlaB zur Ausarbeitung eines umfassenden Forderungs- kataloges gegeben. Am 5. Mai sprach daher eine Abordnung der Gratkorner Ar- beiterschaft bei der Direktion vor und erhob folgende Forderun- gen: "1. die jahrliche 1. Maifei- er, so wie der Normtage; 2. 8 sttindige Arbeitszeit; 3. 40% Lohnerh6hung; 4. Abschaffung der Accordarbeit; 5. doppelte Bezahlung der Uberstunden und Sonntagsarbeit; 6. der Fabriks- ordnung gemaB die w6chentliche Lohnauszahlung, gegenwartig alle 14 Tage."4 Nach der Ablehnung diesef£For- derungen durch die Direktion der Leykam - Josefsthal AG traten die Fabriksarbeiter am 6. Mai 1890 in den Streik. Der oben zi- tierte B ericht der Untemehmens- 1eitung bemerkt dazu, daB die Arbeiter "nur widerwillig und von den Agitatoren gedrangt die Arbeit verlieBen." An anderer Stelle dieses Berichtes wird den Arbeitem vorgehalten, sic hatten "ohne die Vertrauensmanner zu verstandigen", also ohne offizi- elle Erlaubnis der Partei, den Streik begonnen. - Betrachten wirjedoch die von den Arbeitem erhobenen Forderungen, so zeigt sich ihre auffallige Deckungs- gleichheit mit jenen der Sozial- demokratischen Arbeiterpartei und der Sozialistischen Intema- tionale. "Auch die steirische Ar- beiterschaft wurde vom Rausche der Verktindigung des Sozialistenkongresses von Paris erfaBt und die Forderungen nach den Acht - Stunden - Tag, mach den allgemeinen und geheimen Wahlrecht, mach einer Arbeiter- schutzgesetzgebung und mach einem allgemeinen Weltfrieden wurden in das BewuBtsein aller getra8en."5 Dem Streik der Gratkorner Papierarbeiter schien ein schnel- les Ende beschieden, denn nur Ein rares Bilddokument vom hi- storischen Streik der Gratkorner Papierfabriksarbeiter. Es handel- te sich urn den ersten bedeuten- den Streik innerhalb dieser Bran- che in Osterreich - Ungarn und Deutschland tlberhaupt.18. bis 26. Mai 1890. (AG) einige Stunden nach seinem Aus- bruch nahmen die Arbeiter, auf- grund eines Versprechens der Direktion, sic wtirde die Forde- 1 -^+` ` rungen ``.`zur Begutachtung in die Konzeinzentrale mach Wien sen- den, die Arbeit wieder auf. Am 12. Mai aber lehnten die Arbei- ter die nur teilweise entgegen- kommende Antwort der Kon- zemleitung ab. Sic erklaten sich dennoch zu weiteren Verhand- 1ungen bereit, setzten jedoch ein mit 18. Mai befristetes Ultima- turn zur weitgehenden Erftillung ihrer Forderungen fest. Nach Ablauf dieses Ultimatums traten die Arbeiter der Papierfabrik am 18. Mai 1890 urn 12 Uhr in den Streik. Uber die weiteren Ereignisse berichten die Quellen:6 " 18. Mai 1890: Es ist auch Ho ff- nung vorhanden, daB dieser Teil der Arbeiter die Arbeit bald wie- der aufnehmen wird, zumal den zahlreichen Arbeitem, welche in den der Fabrik geh6renden Ar- beitshausern wohnen, infolge ihres ohne Ktindigung erfolgten Austrittes, der Verlust des Quartieres bevorsteht." - Die Unternehmensleitung hoffte so- mit, daB sic durch diese Form der Erpressung den Streik beilegen k6nnte. "Am 21. Mai 1890: Die Situati- on ist seit gestern unverandert geblieben. Die Fortsetzung der korporativen Umztige wurde von der k. k. Bezirkshauptmann- schaft verboten. Der Verwal-

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