Geschichte Gratkorns
Das Kirchendorf St. Stefan, im Hintergrund der Hausberg und das Gratkorner Becken urn 1890. Die lndustriesiedlung be- findet sich erst in den Anfan- gen. (Sammlung Gasthaus Pucher, F}osa Faninger) P®EE]EFE|§€ELE§ EEEBEEN USM B]E JAELffiELUREBEffiEFWEREDE Will man die Entwicklung poli- tischer Strukturen innerhalb ei- ner Gemeinde als Resultat sozio- 6konomischer Entwicklungen intexpretieren, - und daran darf am Beispiel Gratkom wohl kein Zweifel bestehen -, dann muB, unter Einhaltung aller fachlichen Kriterien, auch diesem Thema Raum gewidmet werden. Die 4,42 : 3,71 : 1,68 97o). Die im Bereich der Zeitgeschichte ge- troffene Auswahl an themati- schen Schwexpunkten sei damit gerechtfertigt. Die oben geschilderten Arbeits- und Lebensbedingungen fuhrten frfuh zu einem ZusammenschluB der Fabriksarbeiter, wenn auch von einer politische Organisati- Konzentration unserer Aufmerk- samkeit auf die Gratkorner Industriearbeiterschaft im Be- reich der Zeitgeschichte rechtfer- tigt sich dabei ganz einfach da- mit, daB die Geschichte der Ge- meinde seit der Mitte des 19. Jahrhunderts ganz entscheidend von Arbeitem, damn von der Ar- beiterbewegung und der Sozial- demokratie gepragt wurde und wird. Der tiberwiegende Teil der gegenwatig B erufstatigen arbei- tet im tertiaren und sekundaren Bereich, 1ediglich etwa ein Pro- zent im primaren (1andwirt- schaftlichen) Bereich. Die Stimmenverteilung bei den letz- ten Gemeinderatswahlen im Jah- re 1995 1autete 2532 SPO, 562 0VP, 555 FPO,179 Die Grfunen, 150 NL Winter und 68 Ampel/ Schmid (62,28 : 13,89 : 13,72 : on im heutigen Sinne erst nit der Konsoli- dierung der Sozialde- mokratischen Arbei- teapartei im Jahre 1889 gesprochen werden kann. Die Zuwande- rung von Arbeitem aus allen Teilen der 6ster- reichisch - ungari- schen Monarchie hat- te Gratkom aber schon frtih in engeren Kon- takt mit der Arbeiter- bewegung und in der Folge nit sozialdemo- krati schem Gedanken- gut gebracht. Erste In- formationen tiber die politische Orientierung der Gratkorner Papierarbeiter stammen aus den Jahren 1866/68. Zu dieser Zeit kam der "Arbeiterfrage" - zu- mindest mach Meinung der be- sitzenden Klassen - keine Be- deutung zu. Eine Grazer Tages- zeitung bemerkt just in diesem Jahr: "Die nun auch in Oster- reich auftauchende Arbeiterfra- ge ist fur uns hier doppelt inter- essant; denn an Arbeiter - Be- v61kerung haben wir hier keinen Mangel, dennoch brauchen wir, solange die ererbten Eiurichtun- gen dauern und an ihnen nicht gertittelt wird, von jener Frage keine Angst zu haben; denn hier ist sic praktisch schon von Jah- ren her gel6st, zum Heil der Ar- beiter, und sicher auch nicht zum Schaden der Herren."1 Bis zum Jahre 1848/49 bestand die Gemeinde im heutigen Sin- ne nicht, erst mit dem kaiserli- chen Patentmit vom 17. Marz 18492 und mit der Bildung der freien Ortsgemeinde St. Stefan kann von einer selbstandigen Gemeindepolitik gesprochen werden. Aufgrund des damals geltenden Wahlrechtes war es den Arbeitern bis zum Jahre 1919 jedoch nicht m6glich, mit- tels des Wahlrechtes auf die Gemeindepolitik EinfluB zu neh- men. Ftir den entsprechenden dritten Wahlk6xper besaBen nur solche tiber 24 Jahre alten Gratkorner (mit Heimatschein) das Wahlrecht, deren Steuer- 1eistung funf Gulden pro Jahr tiberstieg. Betrachten wir die Liste der Gemeindepolitiker aus dem Jah- re 1850, so finden sich darin wohl zehn Bauern, vier Wirte, zwei Mtiller, ein Chirurg (darun- ter ist zur damaligen Zeit ein Wundarzt zu verstehen) und ein Pfarrer, aber kein Arbeiter. Daran sollte sich vorerst nichts andem. Im Jahre 1890 wies die Gemeinde St. Stefan am Grat- kom 3.300 Einwohner auf. 1.259 \ Gratkomer, also 3dr8 Prozent der Gesamtbev61kerung, arbeiteten in der Papierfabrik. AUBer die- sem Prozentsatz waren auch die landwirtschaftlichen Arbeiter (Holzknechte, Tagl6hner etc.) sowie die Knechte und Magde, wie die Frauen tiberhaupt, ohne Wahlrecht. Die "unteren" Bev61- kerungsschichten hatten, mach Meinung der herrschenden Schichten, nicht zu politisieren und wenn, damn hatten sic, wie es spatere Vorfalle im Zuge der Reichsratswahlen zeigen wer- den, mit der Meinung ihrer Dienstherren konform gehen mtissen.
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