Geschichte Gratkorns

chen gab es nicht selten ein ei- genes Gericht, namlich eine Schtissel voll Kraut, in der sich der Schweif eines Ferkels ver- barg. Dem Madchen, das als er- stes nit der Gabel in den Schweif stach, stand noch im gleichen Jahr eine Heirat bevor. Mit dem Fremden wuBte man gar seltsame SpaBe zu treiben. Man erzahlte ihm Geschichten tiber einen sagenhaften "Trapphahn", versah den unglaubig Staunen- den mit einem "Buckelkorb" und ftihrte ihn in ein entlegenes Waldsttick. Nach vielen guten Ratschlagen, wie der - nattirlich nicht existierende - Trapphahn zu tiberlisten sei, schlich sich der Ortskundige davon. Traf der Ge- foppte mach Stunden wieder im Ort ein, wurde er von allen ttich- tig ausgelacht. Diese und ahnliche Foppereien, unter denen der Ortsunkundige auch heute noch beizeiten zu lei- den hat, finden ihre Ursache nicht selten im tiberheblichen und fur den Bauem meist schwer verstandlichen Verhalten man- cher Stadter. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts machten sich leicht dekadente Ztige beim Sch6ckel- Tourismus bemerkbar. Die "Er- ste Steiermarkische Gebirgs- Transport-Unternehmung" des Alois Greul sorgte zum Beispiel 1892 dafur, daB man fur sechs Gulden mittels einer Sanfte und zwei Tragtieren bequem auf den Gipfel befordert wurde.16 Was mochten sich die Gratkorner Bauern und Industriearbeiter beim Anblick eines solchen Tou- risten damals wohl gedacht ha- ben? StraBengel und das Gratkorner / Gratweiner Becken urn 1840; im Vor- dergrund die alte Post- und KommerzialstraBe etwa beim heutigen Kanzelsteinbruch und die Mur mit ihren Nebenarmen. In Siebenbrtlndl, am westlichen Murufer, soll der Sage nach ein "heidnisches" Heiligtum bestanden haben. Das Parchen im Vordergrund ist in der damals in Gratkorn tlblichen Tracht gekleidet. (G. Schreiner,1843, nach S. 496.) Der Obstmost diente den Bauern als Hauptgetrank, "so dar3 in manchen Hausern dem Wasser zu wenig zugesprochen wird", wie ein Kenner des Bezirkes im 19. Jahrhundert kritisierte. Wirtshauser wtlrden yon den Bauern tlberhaupt seltener besucht, "da die mejsten ihren Haustrunk, Most oder Wein, den sie selbst erzeugen, im eigenen Keller haben." (Ortus sanitatis, urn 1500.)

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