Geschichte Gratkorns

Der nachmalige Ortsgruppenlei- ter der NSDAP Schreiner, hier als Mitglied einer Laien- theatergruppe urn 1926. (AG) REAHEE]©REAEL§®EIAELISMUS USREB EWE[FEffi WEELmFEKffi]E® Gratkorn ist eine traditionell "rote Hochburg" und so dtirfte nicht zuletzt aus diesem Grunde eine detailliertere Betrachtung des Verhaltnisses der Arbeiter- schaft, aber auch anderer sozia- ler Gruppen, zum Nationalsozia- 1ismus von Interesse sein. Eines jedoch vorweg: Innerhalb der politischen Diskussion m6gen bei gegenseitigen Schuldzu- weisungen pseudohistorische Argumentationen die Oberhand gewonnen haben. Das dabei herrschende intellektuelle Ni- veau erreicht in sch6ner Regel- maBigkeit einen bemerkenswer- ten Tiefstand.1 Halten die einen eine Diskussion fur tiberfltissig, so sprechen die anderen von ei- ner "historisch weiBen Weste der Sozialdemokratie in Oster- reich„2 . Solcherart Geschichte darzustel- len erachte ich fur unseri6s und ich fuhle mich generell folgen- der Arbeitsweise verpflichtet: "Geschichtsforschung soll Fak- ten vermitteln und damit Verste- hen erm6glichen. Zu verurteilen steht uns nicht zu, denn auch unsere Zeit ist voll von Intole- ranz, MiBgunst und Ausgrenzung, wenn auch mit anderen, aber nicht weniger in- humanen Methoden."3 Viele der in der Folge genann- ten Personen, egal welcher Par- tei zugeh6rig, bekleideten da- mals 6ffentliche Amter oder agierten zumindest soweit in der 6ffentlichkeit, daB eine nament- liche Nennung keine Verletzung einer Privatsphare darstellen kann. Der Verlust des Ersten Weltkrie- ges, die Aufl6sung des Habsburgerreiches und die damit einsetzende Identitats- und Wirt- schaftskrise hatten bereits 1918/ 19 zu einem weitgehenden MiB- trauen in die Lebensfahigkeit der Ersten Republik gefuhrt. Bereits damals propagierte der erste Staatskanzler, Dr. Karl Renner, den AnschluB an Deutschland und rief die Republik "Deutsch- Osterreich" aus. Otto Bauer, 1918/19StaatssekretarfurAUBe- res und sozialdemokratischer Chefideologe: "[...] das arme Gebirgsland der Alpen kann die Riesenlast, die das Erbe der GroBmachtpolitik eines 50 - Mil- 1ionen - Reiches ist, nicht tragen. Auf uns selbst gestellt, lebens- unfthig, k6nnen win nur in einem gr6Beren Verband die M6glich- keit erlangen, uns allmahlich Wieder emporzuarbeiten [...]."4 Julius Deutsch, Ftihrer des Re- publikanischen Schutzbundes : "In der Grfundungszeit der ersten Republik war es in Osterreich fast allgemeine Uberzeugung, daB der neu entstandene Staat wirtschaftlich nicht lebensfahig sei."5 Auch die Sozialdemokra- tie war zudem nicht unbelastet von deutschttimelnden, antisemi- tischen und rassistischen Theo- rien. Es findet sich die Idee der geschichtslosen slawischen Na- tion in den Schriften Otto Bau- ers wieder und noch manifester hielt sich in der 6sterreichischen Sozialdemokratie das Bild vom tiberlegenen geistigen Deutsch- land, als dessen Teil man sich verstand.6 Noch 1965 schrieb der Parteivorsitzende der Sozi- aldemokraten und Bundesprasi- dent Adolf Scharf in seinen Me- moiren tiber "Osterreichs Er- neuerung" ganz offen: "Ich ver- hehle es auch heute nicht: seit- dem ich die Geistesschatze des deutschen Volkes kennen- und liebengelemt habe, habe ich im- mer getraumt, meine Heimat ware nicht Osterreich, sondem weimar."7 Zudem wurzeln wesentliche Be- reiche der NS - Ideologie auf 6sterreichischem Boden und es ist weiters Tatsache, daB bei der Umsetzung von ideologisch - verbaler Gewalt in physische Gewalt tiberproportional viele OsterreicherihrenBeitragzuden Massenmorden des Nationalso- zialismus leisteten. Der Natio- nalsozialismus kam nicht wie ein Frtihlingssturm ins Land und vernichtete kein republikanisch - demokratisches Staatswesen. Ein bereits bestehendes diktato- risches System wurde im Namen der "groBen, deutschen Volksge- meinschaft" 1ediglich durch ein anderes, vermeintlich besseres, ersetzt.

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