Geschichte Gratkorns
St. Stefan am Gratkorn gegen Osten. Handkolorierte Ansichts- karte urn 1900. (Sammlung Gast- haus Pucher, Posa Faninger) 8 Grazer Tagespost vom 2. Ju!i 1883 (Morgenblatt). 9 Vgl.. Grazer Tagespost vom 12„ 25. und 26. Juni 1884. che Fahnen flatterten von den Dachem der Gebaude. Triumph- b6gen waren errichtet und im Vestibule des Hauses standen unter tippigem Blumenschmuck die Btisten des Kaiseapaares. Die Fabriksarbeiter und Arbeiterin- men brachen beim Erscheinen des Kaisers in sttirmische Hochrufe aus. Der Prasident der Actien- gesellschaft Leykam - Josefsthal, Herr Jakob Syz, hielt an den Monarchen eine kurze Ansprache und Iud ihn ein, die Fabriksraume zu besichtigen. Der Monarch er- widerte in freundlicher Weise und machte damn mit seinem Gefolge einen Rundgang durch die Rau- me der Fabrik, wo alle Maschi- nen in Thatigkeit waren. Der Kai- ser verfolgte mit gr6Btem Inter- esse die verschiedenen Stadien der Papierfabrikation und besich- tigte auch die in einem Saale arrangirte prachtige Ausstellung der Firma Plentl. Auf eine Bitte des Prasidenten Hemi Syz zeich- nete der Monarch seinen Namen in das Gedenkbuch ein. Graf Taaffe befand sich auch im Ge- folge des Kaisers und legte 91eichfalls viel Interesse fur die Papierfabrikation an den Tag. Nach einem Rundgang durch die Fabrik verlieB der Kaiser diesel- be und begab sich wieder auf den B ahnhof. Ein leichter Sprtihregen ging nieder, als der Kaiser dort- hin fuhr. Doch w61bte sich bald wieder ein blauer Himmel tiber dem festlich geschmtickten Orte.„8 Dieser blumigen Dartsellung des Kaiserbesuches k6nnen wir erstens die Tatsache entnehmen, daB die Papierfabrik als "bei Gratwein" liegend bezeichnet wird, obwohl die Ortsgemeinde St. Stefan am Gratkom zu die- sem Zeitpunkt bereits j ahrzehn- telang existierte. Auf die Ursa- chen wurde bereits eingegan- gen. Zweitens zeigt sich hier deutlich die Tatsache, daB die Arbeiterschaft, auch die sozial- demokratisch gesinnte, sich durchwegs kaisertreu zeigte. Es ware rauhe Gesellen, aber acht- bare Manner, die loyal zum Kai- serhaus standen. Angestrebt wurden lediglich Reformen im Wahl- und Arbeitsrecht; das je- doch inteapretierte der Staat als revolutionare Ansinnen. Auch dieser Hintergrund muB bei der Darstellung der Geschichte der Gratkorner Papierarbeiter be- achtet werden. Die Reise des Kaisers im Jahre 1883 in die Steiermark sollte je- doch ftir zumindest einen Gratkomer dramatische Folgen mach sich ziehen. Im Februar 1884 wurden 22 Sozialdemokra- ten wegen der angeblichen Pla- nung eines Attentatsversuches aufdenKaiserundwegenHoch- verrates festgenommen und an- geklagt. Nach einem ProzeB in Graz, der internationales Aufse- hen erregte, wurden samtliche Angeklagten beztiglich des Ver- brechens des Hochverrates (ge- waltsame Anderung der Regie- rungsform) fur schuldig befun- den; Attentatsplane auf den Kai- ser hatte es nie gegeben und konnten daher nicht bewiesen werden. Auch der Schneider- gehilfe Philipp Sleik aus St. Ste- fan wurde schuldig gesprochen und zu einer langjthrigen Haft- Strafe verurtei|t.9
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